folibri

Mimimi.

Katharsis.

“Jetzt wird alles gut”, sagte er. Und sah mich an.

Ein Jahr war mittlerweile vergangen, nachdem die Erde sich einmal kurz in alle ihre Atome, Moleküle, Bestandteile und Sandkörner detonationsartig aufgelöst- und völlig verdreht, verquer und paralleluniversumsmäßig wieder neu zusammengefügt hatte. Alles war anders ab diesem Augenblick; nichts befand sich mehr an seinem Platz. Die Zeit schien sich auf einmal im Kreis zu drehen, die Menschen bewegten sich in Zeitlupe von B nach A – jedoch ohne vorher jemals bei B gewesen zu sein-, Hunde miauten, Hamster bellten, Spiegel gaben nicht mehr das Gegenüber wieder, sondern das Dahinter, 123 kam von nun an vor 36 und Treppen, die eigentlich nach oben führen sollten, ließen uns im Keller wieder hinaus, an die frische Luft.

Ein Jahr lang standen wir also da und konnten uns nicht fassen. Konnten nicht verstehen, was geschehen war. Das eben nichts geschehen, sondern einfach völlig anders geworden war.

Ein Jahr der Starre, des unsichtbar-durch-die-Welt-gleitens, der stillen Aufruhr. Ein Jahr voll von diesem Gefühl, dass es doch früher viel besser war. Als wir uns noch hatten. Als wir noch gemeinsam gegen die Geister kämpften und den Schrecken der Nacht mit einem Lächeln auf den Lippen in den Schlaf sangen. Als die Treppen noch dahin führten, wofür sie einmal gebaut worden waren. Ein Jahr, in dem wir uns vermissten. Die Zeit verfluchten, in der wir uns nicht zuhause fühlten und wie leere Hüllen von B nach A, nach C taumelten um zu finden, was wir schon längst verloren hatten.

“Jetzt wird alles gut”, sagte er.

Im Café war es still. Nur das Geschirrklappern des Kellners aus dem Nebenraum ließ vermuten, dass wir nicht alleine auf der Welt waren. Draußen wiegten sich die Bäume in einem fadenscheinigen, gold-grauen Licht. Gleich würde es regnen.

Wir sahen uns an. Das erste Mal, nach einem Jahr. Wir lächelten, verhalten und verkrampft. Große Café-Becher dampften zwischen unseren Händen. Schutzschilde, die uns vor zuviel Gegenüber bewahren sollten. Minuten vergingen. Vermutlich die längsten Minuten, die jemals ins Land gezogen waren; und dennoch viel zu kurz für all unsere Gedanken.

Wir fingen an zu reden. Erzählten uns unsere Geschichten aus den letzten Monaten. Wir lachten, fühlten mit, kamen an. Ich spürte, wie sehr ich ihn vermisst hatte. Ich klebte an seinen Lippen, erkannte jede Bewegung, konnte jede noch so kleine Veränderung in seiner Mimik deuten. Wünschte mir, er würde nie wieder aufhören zu erzählen und mich dabei anzuschauen, mit diesem Blick, der mich schon so oft aufgefangen und nach Hause geholt hatte.

“Jetzt wird alles wieder gut”, sagte er. “Denn nichts hat sich geändert. Du warst, bist und bleibst meine Frau. Wir gehören zusammen. Nichts kann sich zwischen uns stellen. Kein Jahr, kein Tag, keine Sekunde. Wir fühlen wie wir fühlen, nach so langer Zeit- und das muss etwas bedeuten.”

Nichts hat sich geändert.

Wir waren noch immer dieselben Menschen, die sich vor so langer Zeit so sehr ineinander verliebt hatten. Dieselben Menschen, mit denselben Hoffnungen, denselben Wünschen, Träumen- allerdings auch mit denselben Fehlern.

Plötzlich sah ich ihn wieder vor mir sitzen, vor einem Jahr. Wie wir uns stritten, Vorwürfe machten; wegen Kleinigkeiten. Uneinig waren. Nicht genau wussten, wie man sich so sehr lieben, aber auch gegenseitig verachten kann. Wie wir versuchten, etwas zu ändern, uns zu ändern, um den anderen zu wieder zu finden. Und uns selbst dabei verloren.

Ich sah ihn an.

“Ja, du hast recht”, erwiderte ich nachdenklich. “Es hat sich nichts geändert. Wir sind, wie wir sind.”

Ich stand auf, gab ihm einen leisen Kuss- und ging hinaus in den Regen.

“Jetzt wird alles gut”, dachte ich.

Im Vorbeifahren.

„Nächster Halt Göttingen“ dringt die Stimme von außen durch die Musik meiner Köpfhörer und erinnert mich damit an das Vorhandensein meiner Existenz. Ja Hallo!

Göttingen. Ich muss lachen. Innerlich. Ein wenig. Denn die Musik, welche die Stimme des Zugführers durchbrochen hat, ist „Yipi“. „Unser Lied“. Naja, besser gesagt unser Trennungslied. Zumindest habe ich es dazu dann irgendwann auserkoren, als „Frankfurt Oder“ und der Rosa-Wolken-Kontext nicht mehr ganz so angesagt waren- aber „Yipi“ eben umso mehr.

Naja, jedenfalls ist es natürlich ganz klar, dass ich im Zug sitze, „Yipi“ höre, zufällig an dich denke und der Fogel vorne im Zug dann auch noch dieses „Göttingen“ raushaut. Was für ein Timing, was für ein Schauer. Der Mensch da sollte einen Preis bekommen! Ich standingoviere. Innerlich. Eine Stadt, ein Wort, 1000 Erinnerungen. Willkommen Gefühle, euch gibt’s also auch noch!

Hach, good old G.!

Das letzte mal als ich hier in der Ecke war, bin ich nicht an Göttingen vorbeigefahren. Da war es das Ziel. Bei deinen Eltern Weihnachten feiern. Mit den Großeltern. Mit deinem Bruder. Mit aller Ruhe und der Zuversicht.

Jetzt hält der Zug. Hey Göttingen… Der Zugführerfogel wünscht allen die hier aussteigen einen schönen Abend. Aber ich fahre ja weiter.

Vor knapp einem Jahr war vieles noch ganz anders. Irgendwie besser und runder, glaube ich. Mittlerweile ist wieder so viel passiert. Die „Bosse-Zeit“, wie ich sie manchmal melacholistisch nenne, liegt lange zurück, ist fast nicht mehr fassbar. Verschwommen. Allerdings bestätigt mir der Herzstich von eben ziemlich deutlich: Es gab dich tatsächlich. Und auch eine wunkle Dolke voll von einer Ahnung, dass das alles eigentlich mal ganz cool war mit uns.

Aktuell haben wir aber nunmal Gegenwart. Die war dir ja schon immer unheimlich, irgendwie. Aber weil ich mich da momentan ganz ganz gerne aufhalte, bleibe ich jetzt bei ihr und im Zug- und damit ein weiteres Stück weg von dir.

Tschüß Göttingen!

„Nächster Halt Hildesheim“, sagt der Fogelführer aus der Ferne. Yipi.

 

One step inside doesn’t mean you understand

“Wovor hast du nur solche Angst?”. Samstag, 9 Uhr morgens. Sie saßen bereits seit 2 Stunden auf dem  Boden, zwischen Hausflur und ihrer Wohnung, mitten auf der Türschwelle. Sie starrte auf den braunen Farbstreifen in ihrem Hausflur und stellte zum ersten Mal fest, dass die Ränder nicht gerade verliefen, sondern an beiden Seiten ausfransten.

Er lag mit dem Kopf auf ihrem Schoß und schaute sie lange an. Beide schwiegen. Im Erdgeschoss konnte man hören, wie der Postbote seiner Arbeit nachging. Da draußen nahm das Leben seinen Lauf, aber oben im 3. Stock stand die Zeit schon seit geraumer Zeit still.

Er setzte sich auf und schaute ihr gerade in die Augen. “Vor mir. Vor mir habe ich Angst.”, antwortete sie unvermittelt.

“Aber was passiert, wenn dieser Augenblick nie wiederkommt? Wenn wir uns irgendwann wiedersehen und es nie wieder so sein wird, wie jetzt?”.

“Dieser Moment wird uns immer bleiben. Das Gefühl, der Umstand, dieser Morgen. Das kann uns nie wieder jemand nehmen”.

“Ich möchte bei dir bleiben.”

Sie fasste mit ihrer Hand in das Haar in sein Nackenhaar und zog seinen Kopf nah an ihren. “Du weißt, dass das nicht geht”.

“Es könnte funktionieren.”

“Ich hasse Konjunktive.”

Unten öffnete sich die Haustüre und man konnte hören, wie 2 Stimmen das Treppenhaus immer höher stiegen.

“Da kommt das Leben. Du solltest jetzt gehen”

Sie standen auf.

“Sehen wir uns wieder?”, fragte er.

Sie lächelte traurig und küsste ihn. Dann trat er 3 Schritte zurück, winkte verhalten – und ging, dem Leben entgegen.

(Traumaufzeichnung, aus dem Jahr 2005.)

Als ich mich so langsam auf meinem rollenden Brett fortbewegte, weil ich so stark gealtert war, dass ich mich nicht mehr selbstständig bewegen konnte, betrat/rollte ich in einen seltsamen Raum. (das Ding mit der Alterung hatte ich ¸übrigens den Kaufhausdieben zu verdanken denen ich auf die Schliche gekommen war. Sie hatten sich mit getarnten Waffen, die wie Weihnachtsgeschenke aussahen, auf Jagd begeben und hatten wohl nicht mit mir gerechnet. Und ich mit ihnen auch nicht. Sie bestraften mich mit Alterung.

Den Raum hatte ich in unserem Haus noch nie zuvor gesehen. Es war eigentlich kein Raum. Es war ein riesiger Opernsaal. Ich konnte mich nicht daran erinnern, diesen in mein Haus gebaut zu haben. Von der Empore aus konnte ich alles gut sehen. Die Wände und Sessel waren mit rotem Samt verkleidet, der Boden bestand aus dunkelbraunem Parkett.

Mitten auf der Bühne stand ein riesiger, schwarzer Flügel. Er musste dort stehen, alles andere hätte irgendwie keinen Sinn gemacht. Eine Person, die ich nicht erkennen konnte da sie mit dem Rücken zu mir saß, spielte eine wunderschöne Sonate. Ich lauschte dem Stück einige Sekunden und fuhr dann mit dem Gitterlift nach unten. Ich wollte diese Person kennenlernen, die es so schön verstand, mit dem Flügel umzugehen.

Langsam rollte ich auf sie zu. Es musste ein Mann sein. Er hatte sehr breite Schultern und hatte einen Smoking an.

“Ich habe schon lange auf dich gewartet”, sagte er und drehte sich langsam um. Es war der Teufel. Ich dachte mir nichts weiter dabei, er wirkte eigentlich recht nett. “Ich führe dich nun noch einmal durch dein gesamtes Leben, zeige dir deine geheimsten Wünsche und Ängste. Wieso ich das tue? Das musst du für dich selber entscheiden.”

Mir war bewusst, dass ich das alles nur träumte. Dennoch kam es mir sehr real vor. Ich fragte den Teufel, ob ich während der Reise Fotos machen könne, um sie später meinem Feund zu zeigen. Ich war mir nicht sicher, ob das überhaupt funktionieren würde. Mit meiner Kamera Fotos machen die später, wenn ich wieder wach würde, immer noch da waren? Aber einen Versuch war es wert.

So nahm mich der Teufel an die Hand und er zog mich durch einen Vorhang. Tatsächlich spielte sich mein gesamtes Leben noch einmal ab. Alle Menschen, die mir begegnet waren, alle schönen und schrecklichen Momente, zogen noch einmal an mir vorbei. Ich machte Fotos. Der Teufel war recht schweigsam und schaute mich ab und zu nur mit verschobenem Blick an.

Plötzlich standen wir an der Seite einer Autobahnauffahrt. Die Autos fuhren hinterheinander weg. Manche auch übereinander. Alle Menschen darin sangen ein und dasselbe Lied, wie ein riesengroßer Chor. Ich kann mich leider nicht mehr genau erinnern, was sie sangen. Aber schön war es nicht.

Ohne ein Wort zu verlieren, schubste mich der Teufel auf einmal auf die Autobahn. Ich saß ja immer noch auf meinem Brett und konnte mich nicht wehren. Ich sah schon das erste Auto auf mich zurasen.

Dann wachte ich auf.

Ich befand mich wieder in unserem Haus. Rollte ins Wohnzimmer, wo alle wie immer saßen. Aufgeregt rollte ich zu ihm. Und erzählte von meinem Traum. Er glaubte mir kein Wort. Dann fiel mir die Kamera ein, die seltsamerweise um meinen Hals hing. Vielleicht hatte das mit den Fotos ja doch funktioniert?

Ich schaltete sie ein- und tatsächlich. Es befanden sich Fotos darauf. Es waren aber nicht die Fotos, die ich dachte, gemacht zu haben. Sie mussten aber während des Traums entstanden sein. Der Teufel war nämlich auf den meisten davon abgebildet.

Ich konnte es nicht fassen. Neugierig sahen wir die Fotos durch. Gesichter, die ich nicht kannte. Gemälde, die ich nie zuvor gesehen hatte. Orte, an denen ich noch niemals gewesen bin. Ratlos saß ich da und wusste nicht recht, was ich nun damit anfangen sollte.

Er meinte auf einmal, ganz unvermittelt:” Vielleicht war ja nicht Vergangenheit und Gegenwart Sinn und Zweck deiner Reise, sondern die Zukunft. Kann es nicht sein, dass der Teufel dir erlaubt hat, Fotos zu machen, damit du deine Zukunft mitnehmen kannst? Damit du mit der Vergangenheit abschließt und endlich merkst, dass da noch mehr kommt?”

Als ich ihm antworten wollte, wachte ich endgültig auf, drehte mich nach rechts um und sah sie.


			

Das Nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen.

…alles anders.

Plötzlich bewegt sich die Welt doppelt so schnell, als gestern noch. Oder halb so langsam?  Oder gar nicht mehr? Du bist dir unsicher, denn es ist alles anders.

Unscheinbar sitzt du in der Mitte deiner Seifenblase, die dich abschirmt von der Außenwelt. Sie verzerrt alles, was dir begegnet, was du hörst und was du spürst. Du schaust raus, siehst Schemen, verschwommen, mal bunt, mal grau. Graubunt.

Alle Geräusche wie in Watte eingepackt. Manchmal ein wirres Bienenstab-Gewummer, manchmal wieder ganz zaghaft und leise. Stillschrei.

Hände greifen nach dir. Ziehen, stoßen. Dazwischen immer die Wand der Seife, die alles abhält, aber eben auch nicht wirklich, nicht ganz. Alles unwirklich.

Du weißt nichts mehr, und dennoch alles. Denn alles ist anders.

Zeitrafferblase, Zeitlupeneffekt.

Lauter Parallelgeschehnisse und du dazwischengeklemmt, papierartig, wirst hin und her geschoben. Verrutschst du auch nur um einen Millimeter: es würde alles implodieren.

5 Minuten werden 5 Stunden, 5 Stunden sind 5 Sekunden. Und es passiert: genau nichts. Und alles.  Und alles ist anders.

Die langsamste Überschallgeschwindigkeit der Welt- und du noch immer in deiner kuntergrauen Blase. Ob das gut ist, weißt du nicht. Jedenfalls ist…

Unzerbrechlich!

Und dann wachst du auf. Liegst im Gras, der strahlend blaue Himmel direkt über dir, umringt dich, deckt dich zu. Die Sonne scheint. Du hast erreicht, was du erreichen wolltest. Keine Wünsche sind mehr offen.

Du drehst den Kopf nach links und sie liegt da. Hält ihre Hand über die Augen, damit die Sonne sie nicht zu sehr blendet, damit sie dich noch sehen kann. Ein Auge halb zugekniffen, blinzelt sie dich an, lächelt.

Du fühlst eine unwahrscheinliche Wärme in dir hochsteigen. Hast das Gefühl dein Herz explodiert gleich, weil dieser Moment so richtig, so gut und fast nicht wahr sein kann. Das erste Mal ist alles im Einklang.

Du hast Ruhe, keine Angst mehr, nichts kann sich dir mehr in den Weg stellen. Noch nie hast du dich so lebendig gefühlt.

Du riechst, schmeckst und spürst, gleichzeitig. Alles fließt. Und du mittendrin.

Du hast keine Zweifel mehr. Alles ist genau so gut wie es eben kam. Hat dich genau dort hingebracht, wo du immer sein wolltest. All das Leid vorbei, die Ungewissheit und der Zweifel. Sie sind nur noch vage Erinnerungen, Zeitfetzen ohne Phantomschmerz

Dann schläfst du ein. Voller Frieden, Zuversicht und der Gewissheit, du hast die Welt gerettet.

Und sie lächelt dich noch immer an, hält deine Hand. Stille.

Du bist frei.

rip.

I Need You So Much Closer

Und plötzlich steht die Welt still.

Eben hast du noch auf diesem Sardinenbüchsen-Konzert gestanden, ganz weit hinten, so dass man ab und an noch ein paar Köpfe auf der Bühne sieht, gesichtslos und so weit weg, dass du dir eigentlich auch eine DVD reinziehen und mehr erleben würdest. Du stehst also da, den Wein fest umklammert, hinter diesen riesengroßen, schwitzenden Menschen, die einfach da sind, weil ja dieser eine krasse Typ von dieser letzten Party, also der mit dieser hippen Frisur und dieser geilen Hose (“also diese Hose, der Wahhnnsssiinnn….!”) gesagt hat, man müsse dahin weil die Band ist total fett und so…. Also du und der Wein, ihr seid so ziemlich die einzige Symbiose, die an diesem Abend stattfinden. Du willst dich schon fast zu deinen Freunden umdrehen und fragen, ob sie auch nen Shot wollen, damit sich wenigstens irgendwas lohnt. Und dann das Lied. 2 Akkorde, alles wird still, mit einem Mal,  und alle wissen auf einmal Bescheid. Sie wachen auf aus ihrer gelangweilten Großstadtarroganz und hören hin. Der Lemming mutiert zu einem einzigen Herz. Die ganze Halle und dieser eine Song. Alles wird eins, ganz andächtig, dankbar… Und dann der Refrain.. Und sie singen mit. Singen um die schönen, traurigen und schicksalhaften Erinnerungen, die man doch ach so toll verdrängt hatte, weil ist ja viel einfacher so…

Und du singst mit. Und tanzt. Musst unweigerlich lächeln, weil auf einmal alles dann doch irgendwie in Ordnung ist, willst jeden umarmen, dein Feuerzeug auspacken und hoch in die Luft halten, lächelst, tanzt, platzt. 3 Minuten Einigkeit mit allem, geschlossene Augen und dahinter dein Film. Einmal kein Statist, kein Beobachter. Du bist mittendrin, dabei, und über unserer aller Köpfe schweben die Emotionen der ganzen verdammten letzten Jahre, wie Nordlichter. Fast sicht- und spürbar, Geisterflimmern.

Das Lied klingt langsam aus, alles schweigt. Du machst die Augen wieder auf. Alles schwitzt und der “hippe Typ” mit der sexy Hose ist noch immer da. Eure Blicke treffen sich zufällig im Raum und für ein paar Bruchteile von Sekunden scheißt ihr auf die Hosen und Sonnenbrillen dieser Welt – und fühlt euch zusammen unzerstörbar. Lächelt euch an. Denn ihr wisst Bescheid.

Dann ist das Lied vorbei. Jemand stolpert über irgendwas, verschüttet sein Bier auf deinem Kleid, irgendwer sucht lauthals nach seinen Freunden und reibt seinen schwitzigen Arm an dir entlang, der wegen der Pille eingestellte Wecker in deinem Handy springt an und du wieder so: Mittenraus ins Leben.

Lived in Bars // No. 1.

Samstag um 8:30 Uhr am Morgen, also morgens (!), in Hamburg, dieser Stadt voller Wasser, Alkohol-Hoch- und Tiefgang in Erikas Ecke (Aufenthaltsbestimmungsort für Betrunkene/Obdachlose und preisgekrönte Menschen) sitzen. Schnitzel in 4 Liter Jägersoße und 300 kg Pommes mit Bratkartoffeln (“Ich hätte gerne Pommes MIT Bratkartoffeln. Ja, MIT!”) ach, und Rührei, vor sich auf dem Tisch stehend betrachten und sich fragen, was denn da schon wieder los war.

Oh du goldene Nacht, da warst du wieder, mit all deinen verrückten Menschen, den vielen Zigaretten und dem Wodka. Mit all den tiefgründigen Philosophien über das Huhn und das Ei, dem Propheten und dem Berg – oder einfach nur der stundenlangen Überlegungen darüber, ob man seinen Döner (“einmaallesbiddääähhh) mit Kräuter oder Joghurt isst.

Du Nacht mit diesen wundervollen Menschen die man zwischen Klotür und Bar trifft (“eh, wo gehts hier nochmal raus! Ah egal, hasse mal ne Kippe für mich?”) , für die man diese unwahrscheinliche Empathie empfindet, obwohl gerade erst getroffen, mitten reingerutscht in dieses Leben. Und man versteht sich so unwahrscheinlich weltklasse, tauscht nach einer Stunde die größten Geheimnisse und Lebens(miss)geschicke aus, fühlt sich gut, verstanden, aufgehoben, noch mehr Wodka, noch mehr Parallelen, noch mehr Ähnlichkeiten, lacht, weint, vermisst und hofft – allesaufeinmal. Und der Tanz!!! Fühlt sich so lebendig wie doch schon so lange nicht mehr. Nummern und Gesichtsbücher werden getauscht, Verabredung halb gegart und der Bund fürs Leben beschlossen.

Dann am nächsten Nachmittag aufwachen, Kopf voller Steppenhexen, Stimme voller Stimmlosigkeit… Ahnen, dass da gestern Nacht ziemlich große Dinge gelaufen sind… Aber mit wem nochmal? Wo überhaupt? Und wieso? Und was eigentlich genau? Hundkatzemaus?

Aufstehen, Zähne putzen, weiteratmen.

Folibri

Ein Folibri ist ein seltsames Wesen. Es ist klein, schnell, sprunghaft, ein eingebildeter Einzelgänger, fühlt sich meist unverstanden, versucht auf Teufel komm raus den lieben, langen Tag Karma zu sammeln. Es sieht in den nächtlichen Gebüsch-Schatten keine Gebüschschatten, sondern kleine Motorradfahrer. Es ist ambivalent. Manchmal kann es fliegen, meistens eher nicht so. Realität wird als notweniges Übel akzepiert, allerdings als Feind betrachtet.

Es wäre gerne bunt, ist aber eigentlich eher grau, kommt ihm jedenfalls so vor. Es ist gerne alleine während es darüber lamentiert, dass es eigentlich gar nicht gern alleine ist. Wenn man es fragt was es mal werden will, wenn es groß ist: Frei, reich, Großstadt, Haus, See, Finka, Insel, Pferd, Büro, Farm mit Baum in der Mitte, Olivenhain, Loft.

Ein Folibri ist weiblich. Manchmal findet es auch andere Folibris, die aber eigentlich eher Kakadus sind. Kakadus zeichnen sich darin aus, dass sie sehr viel plappern. Kakadus sind auch als Schädlinge bekannt. Fundierten Forschungen zufolge, soll es Ausnahmen geben!

Folbri kann sich selbst und andere mit viel zu schnellen Flügelschlägen in den Wahnsinn treiben. Pulsfrequenz beträgt ungefähr 1000. Sollte die seltene Situation eintreten und es beruhigt sich, dann Gnade wem. Dann kann es die Welt umarmen, bringt den Motorradfahrern Kunststücke bei und bastelt aus Pfützen ein Regenwurmparadies.

Meistens jedoch zweifelt es und kann es nie fassen.

Aber es ist ja noch jung. Und hat noch ein paar Flügel zu schlagen.

31. August 2009 // Wie ich im Treppenhaus meinen Nachbarn verführte. Fast.

Hatte gerade meinen ersten Treppenhaus-Nachbar-Flirt.

.. Der ging so:
(m, unbekannt): Hey, bist du gerade erst eingezogen?
(w, mir recht bekannt): Hö? Nö, ich wohn schon seit November hier.
Pause
(m, unbekannt): Ahh, ok.
(w, mir recht bekannt): Und du so?
(w wartet Antwort nicht ab, weil es sie überhaupt nicht interessiert- hätte aber sicherlich so tun müssen, als ob)
(w, mir recht bekannt): Naja, ich seh hier irgendwie eh nie jemanden, keine Ahnung. (Anm.d.Red.: Dödööööö)
(w, schlägt sich innerlich mit der Hand vor die Stirn, so, dass es weh tut)
(m, unbekannt): Hehe ja äh, kenn ich.
(w, mir recht bekannt): Naja, dann noch..n schönen Abend, wa? Schüss.
(m, unbekannt, sichtlich verstört): ja..dir auch.
(Abgang der Protagonisten)

Fazit: Ich mach mal lieber Dings.

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