folibri

Mimimi.

Herzkater.

Es geht nicht um Zen und Meta, es geht um Autismus, das richtige Gefühl im richtigen Moment und dann das „es zulassen können“, um Authentizität und das Herz auch mal aus dem Körper herauswuchern lassen können. Von einem gebrochenen Herzen kann man nicht sterben, hat er geschrieen, die Augen geschlossen und die Seele in seiner Hand. Nein, man stirbt nicht. Es zieht und fiept und jault, aber das versiegt, auch wenn man es nicht wahr haben will, wieder und wieder. Und wieder. Und wenn man es tatsächlich schafft, (Achtung, Kitsch!) keinen Käfig darum herum zu bauen, dann wächst es sich sogar irgendwann aus. Dann weiß man was Sache ist und man weiß was man kann und was man will und was gut ist und was schlecht. Man muss sich doch nur trauen, einfach mal genau hinzuhören und es For God’s sake zuzulassen, dieses pieksen und knittern. Dann pulsiert es, ja und es tut weh, aber dann wachsen die Muskeln, es wird größer und stärker. Herzkater halt. Aber es muss doch auch dazulernen dürfen. You can’t die from a broken heart, my dear. Allerdings haben wir dieses „hinhören“ wohl verlernt. Alles ist so laut und alles geht so schnell und wir sind verletzt und was ist schon einfacher, als sich darin zu verlieren, auf den Schmerz zu konzentrieren, sich zu betrinken, die nächste Alternative zu suchen und dabei das offensichtliche außer Acht zu lassen: Dass das doch eigentlich nur wieder ein Schritt in die richtige Richtung war, denn der verdammte Weg ist eben das Ziel. Oder der Weg. Es geht immer weiter und hört nicht auf und wenn wir es ehrlich genug mit uns selbst meinen, dann erkennen wir das und freuen uns über dieses elendige Geziehe. Es stirbt nicht, es wächst. Und irgendwann, mit genug Glücksverstand, wachsen wir dann mit und über uns selbst hinaus.

Leave me hypnotized, love.

Fail with consequence lose with eloquence and smile tönt vorsichtig aus den Lautsprechern und du und die 3 von 5 anderen im Raum haben gerade gleichzeitig das Gefühl, noch nie etwas schöneres gehört zu haben, zumindest fühlt es sich für dich so an. Es kann am Gras liegen oder am Gin, vermutlich und sehr wahrscheinlich aber ist es einfach das Lied, denn es ist wahr, es ist sowas wie die Hymne der Guten, der Generation der Entrückten, zumindest empfindest du das so. Es zerreißt dich in Stücke  und ist gleichzeitig der Anker, welcher dich vor dem Davonwehen bewahrt, denn es ist so schön, da kann man auf gar keinen Fall einfach verschwinden; da muss man zuhören und fühlen und sich gerne zerreißen lassen und mit Menschen den Moment erleben, denn sowas ist so verdammt selten.Vielleicht ist es das Gras oder der Gin, aber vermutlich ist es einfach das Lied, welches eure Holzherzen für 5 Minuten im Kollektiv aufweicht und euch auf der Tanzfläche schweben lässt in eurem Wachstumsschmerz und euch einhüllt in eine riesengroße Blase voll von so einer melancholischen Zuversicht die weiß, dass das alles eben so zu sein hat und das man beim sichimkreisdrehen irgendwann auch mal aus der richtigen Kurve fliegt .Dann ist der Moment vorbei, aber das Lied schwirrt noch die restliche Nacht über euren Köpfen und lässt euch glühwurmartig leuchten.  Die 2 von 5 anderen stehen noch immer verstört am Rand und atmen alleine vor sich hin. Aber es kann ja auch nicht jeder gut sein.

Lake People.

Manchmal gibt es sie. Sie kommen nicht, wenn du sie erwartest oder dir wünschst. Sie sind so spontan, wie der Anruf eines guten Freundes mitten in der Nacht, der einfach deine Stimme hören wollte. Manchmal bemerkst du sie sogar erst im Nachhinein, wenn du dich darüber wunderst, wieso du dich auf einmal so lebendig fühlst.

Diese Momente können ein gutes Lied sein oder der Platzregen im Sommer, welcher dich in ein altes Haus jagt damit du nicht nass wirst, aber dann feststellst, dass es viel schöner ist, sich auf’s Dach zu stellen und es einfach zuzulassen, mit ausgebreiteten Armen.

Diese Momente sind eine Wanderung auf zugewucherten Bahngleisen und dem alten kleinen Garten hinter einem alten Bahnwärter-Häuschen, in welchem eine einzige Rose wächst. Diese Momente sind der 25. Stock eines Hochhauses und sein Dach, welches dir seinen schönsten Sonnenaufgang zeigt.

Sie sind lange Spaziergänge, welche durch das Werfen einer Münze bestimmt werden und die wundersamen Orte, die du dadurch findest. Sie können der Kaffee am Mittag nach einer langen Nacht sein oder ein Apfel, den du aus einem Schrebergarten klaust, der keiner ist und eher nach einer Mango-Zitrone schmeckt. Sie sind die Bahnstation aus der du aussteigst, weil du mal wieder in die falsche Richtung gefahren bist. Sie sind leerstehende Fabrikhallen, die dir einen Rückzugsort bieten und eine Europalette, auf der du schaukeln kannst. Sie sind doppelte Regenbögen oder Wolkenwände an einem Sommertag, die einfach über dich hinwegziehen. Diese Momente sind die Flasche Sekt, welche du mitten in der Nacht mit deinem besten Freund auf einem Klettergerüst trinkst und der Sand zwischen deinen Zehen. Sie sind der einsame Akkordeon-Spieler, der als Nebenverdienst mitten im Sommer Weihnachtsschmuck verkauft. Sie sind das mitten in der Nacht ins viel zu kalte Ostsee-Wasser laufen und Feuer machen aus ein paar Strandkorbsitzschützern. Sie sind die kleine grüne Raupe auf deinem Schoß der du einen Papierflieger bastelst, damit sie frei sein kann.

Sie sind aufwachen.

Sie sind du.

Lake People – Beenstish (Original Mix)

Katharsis.

“Jetzt wird alles gut”, sagte er. Und sah mich an.

Ein Jahr war mittlerweile vergangen, nachdem die Erde sich einmal kurz in alle ihre Atome, Moleküle, Bestandteile und Sandkörner detonationsartig aufgelöst- und völlig verdreht, verquer und paralleluniversumsmäßig wieder neu zusammengefügt hatte. Alles war anders ab diesem Augenblick; nichts befand sich mehr an seinem Platz. Die Zeit schien sich auf einmal im Kreis zu drehen, die Menschen bewegten sich in Zeitlupe von B nach A – jedoch ohne vorher jemals bei B gewesen zu sein-, Hunde miauten, Hamster bellten, Spiegel gaben nicht mehr das Gegenüber wieder, sondern das Dahinter, 123 kam von nun an vor 36 und Treppen, die eigentlich nach oben führen sollten, ließen uns im Keller wieder hinaus, an die frische Luft.

Ein Jahr lang standen wir also da und konnten uns nicht fassen. Konnten nicht verstehen, was geschehen war. Das eben nichts geschehen, sondern einfach völlig anders geworden war.

Ein Jahr der Starre, des unsichtbar-durch-die-Welt-gleitens, der stillen Aufruhr. Ein Jahr voll von diesem Gefühl, dass es doch früher viel besser war. Als wir uns noch hatten. Als wir noch gemeinsam gegen die Geister kämpften und den Schrecken der Nacht mit einem Lächeln auf den Lippen in den Schlaf sangen. Als die Treppen noch dahin führten, wofür sie einmal gebaut worden waren. Ein Jahr, in dem wir uns vermissten. Die Zeit verfluchten, in der wir uns nicht zuhause fühlten und wie leere Hüllen von B nach A, nach C taumelten um zu finden, was wir schon längst verloren hatten.

“Jetzt wird alles gut”, sagte er.

Im Café war es still. Nur das Geschirrklappern des Kellners aus dem Nebenraum ließ vermuten, dass wir nicht alleine auf der Welt waren. Draußen wiegten sich die Bäume in einem fadenscheinigen, gold-grauen Licht. Gleich würde es regnen.

Wir sahen uns an. Das erste Mal, nach einem Jahr. Wir lächelten, verhalten und verkrampft. Große Café-Becher dampften zwischen unseren Händen. Schutzschilde, die uns vor zuviel Gegenüber bewahren sollten. Minuten vergingen. Vermutlich die längsten Minuten, die jemals ins Land gezogen waren; und dennoch viel zu kurz für all unsere Gedanken.

Wir fingen an zu reden. Erzählten uns unsere Geschichten aus den letzten Monaten. Wir lachten, fühlten mit, kamen an. Ich spürte, wie sehr ich ihn vermisst hatte. Ich klebte an seinen Lippen, erkannte jede Bewegung, konnte jede noch so kleine Veränderung in seiner Mimik deuten. Wünschte mir, er würde nie wieder aufhören zu erzählen und mich dabei anzuschauen, mit diesem Blick, der mich schon so oft aufgefangen und nach Hause geholt hatte.

“Jetzt wird alles wieder gut”, sagte er. “Denn nichts hat sich geändert. Du warst, bist und bleibst meine Frau. Wir gehören zusammen. Nichts kann sich zwischen uns stellen. Kein Jahr, kein Tag, keine Sekunde. Wir fühlen wie wir fühlen, nach so langer Zeit- und das muss etwas bedeuten.”

Nichts hat sich geändert.

Wir waren noch immer dieselben Menschen, die sich vor so langer Zeit so sehr ineinander verliebt hatten. Dieselben Menschen, mit denselben Hoffnungen, denselben Wünschen, Träumen- allerdings auch mit denselben Fehlern.

Plötzlich sah ich ihn wieder vor mir sitzen, vor einem Jahr. Wie wir uns stritten, Vorwürfe machten; wegen Kleinigkeiten. Uneinig waren. Nicht genau wussten, wie man sich so sehr lieben, aber auch gegenseitig verachten kann. Wie wir versuchten, etwas zu ändern, uns zu ändern, um den anderen zu wieder zu finden. Und uns selbst dabei verloren.

Ich sah ihn an.

“Ja, du hast recht”, erwiderte ich nachdenklich. “Es hat sich nichts geändert. Wir sind, wie wir sind.”

Ich stand auf, gab ihm einen leisen Kuss- und ging hinaus in den Regen.

“Jetzt wird alles gut”, dachte ich.

Im Vorbeifahren.

„Nächster Halt Göttingen“ dringt die Stimme von außen durch die Musik meiner Köpfhörer und erinnert mich damit an das Vorhandensein meiner Existenz. Ja Hallo!

Göttingen. Ich muss lachen. Innerlich. Ein wenig. Denn die Musik, welche die Stimme des Zugführers durchbrochen hat, ist „Yipi“. „Unser Lied“. Naja, besser gesagt unser Trennungslied. Zumindest habe ich es dazu dann irgendwann auserkoren, als „Frankfurt Oder“ und der Rosa-Wolken-Kontext nicht mehr ganz so angesagt waren- aber „Yipi“ eben umso mehr.

Naja, jedenfalls ist es natürlich ganz klar, dass ich im Zug sitze, „Yipi“ höre, zufällig an dich denke und der Fogel vorne im Zug dann auch noch dieses „Göttingen“ raushaut. Was für ein Timing, was für ein Schauer. Der Mensch da sollte einen Preis bekommen! Ich standingoviere. Innerlich. Eine Stadt, ein Wort, 1000 Erinnerungen. Willkommen Gefühle, euch gibt’s also auch noch!

Hach, good old G.!

Das letzte mal als ich hier in der Ecke war, bin ich nicht an Göttingen vorbeigefahren. Da war es das Ziel. Bei deinen Eltern Weihnachten feiern. Mit den Großeltern. Mit deinem Bruder. Mit aller Ruhe und der Zuversicht.

Jetzt hält der Zug. Hey Göttingen… Der Zugführerfogel wünscht allen die hier aussteigen einen schönen Abend. Aber ich fahre ja weiter.

Vor knapp einem Jahr war vieles noch ganz anders. Irgendwie besser und runder, glaube ich. Mittlerweile ist wieder so viel passiert. Die „Bosse-Zeit“, wie ich sie manchmal melacholistisch nenne, liegt lange zurück, ist fast nicht mehr fassbar. Verschwommen. Allerdings bestätigt mir der Herzstich von eben ziemlich deutlich: Es gab dich tatsächlich. Und auch eine wunkle Dolke voll von einer Ahnung, dass das alles eigentlich mal ganz cool war mit uns.

Aktuell haben wir aber nunmal Gegenwart. Die war dir ja schon immer unheimlich, irgendwie. Aber weil ich mich da momentan ganz ganz gerne aufhalte, bleibe ich jetzt bei ihr und im Zug- und damit ein weiteres Stück weg von dir.

Tschüß Göttingen!

„Nächster Halt Hildesheim“, sagt der Fogelführer aus der Ferne. Yipi.

 

One step inside doesn’t mean you understand

“Wovor hast du nur solche Angst?”. Samstag, 9 Uhr morgens. Sie saßen bereits seit 2 Stunden auf dem  Boden, zwischen Hausflur und ihrer Wohnung, mitten auf der Türschwelle. Sie starrte auf den braunen Farbstreifen in ihrem Hausflur und stellte zum ersten Mal fest, dass die Ränder nicht gerade verliefen, sondern an beiden Seiten ausfransten.

Er lag mit dem Kopf auf ihrem Schoß und schaute sie lange an. Beide schwiegen. Im Erdgeschoss konnte man hören, wie der Postbote seiner Arbeit nachging. Da draußen nahm das Leben seinen Lauf, aber oben im 3. Stock stand die Zeit schon seit geraumer Zeit still.

Er setzte sich auf und schaute ihr gerade in die Augen. “Vor mir. Vor mir habe ich Angst.”, antwortete sie unvermittelt.

“Aber was passiert, wenn dieser Augenblick nie wiederkommt? Wenn wir uns irgendwann wiedersehen und es nie wieder so sein wird, wie jetzt?”.

“Dieser Moment wird uns immer bleiben. Das Gefühl, der Umstand, dieser Morgen. Das kann uns nie wieder jemand nehmen”.

“Ich möchte bei dir bleiben.”

Sie fasste mit ihrer Hand in sein Nackenhaar und zog seinen Kopf nah an ihren. “Du weißt, dass das nicht geht”.

“Es könnte funktionieren.”

“Ich hasse Konjunktive.”

Unten öffnete sich die Haustüre und man konnte hören, wie 2 Stimmen das Treppenhaus immer höher stiegen.

“Da kommt das Leben. Du solltest jetzt gehen”

Sie standen auf.

“Sehen wir uns wieder?”, fragte er.

Sie lächelte und küsste ihn. Dann trat er 3 Schritte zurück, winkte verhalten – und ging, den Stimmen entgegen.

Das Nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen.

…alles anders.

Plötzlich bewegt sich die Welt doppelt so schnell, als gestern noch. Oder halb so langsam?  Oder gar nicht mehr? Du bist dir unsicher, denn es ist alles anders.

Unscheinbar sitzt du in der Mitte deiner Seifenblase, die dich abschirmt von der Außenwelt. Sie verzerrt alles, was dir begegnet, was du hörst und was du spürst. Du schaust raus, siehst Schemen, verschwommen, mal bunt, mal grau. Graubunt.

Alle Geräusche wie in Watte eingepackt. Manchmal ein wirres Bienenstab-Gewummer, manchmal wieder ganz zaghaft und leise. Stillschrei.

Hände greifen nach dir. Ziehen, stoßen. Dazwischen immer die Wand der Seife, die alles abhält, aber eben auch nicht wirklich, nicht ganz. Alles unwirklich.

Du weißt nichts mehr, und dennoch alles. Denn alles ist anders.

Zeitrafferblase, Zeitlupeneffekt.

Lauter Parallelgeschehnisse und du dazwischengeklemmt, papierartig, wirst hin und her geschoben. Verrutschst du auch nur um einen Millimeter: es würde alles implodieren.

5 Minuten werden 5 Stunden, 5 Stunden sind 5 Sekunden. Und es passiert: genau nichts. Und alles.  Und alles ist anders.

Die langsamste Überschallgeschwindigkeit der Welt- und du noch immer in deiner kuntergrauen Blase. Ob das gut ist, weißt du nicht. Jedenfalls ist…

Unzerbrechlich!

Und dann wachst du auf. Liegst im Gras, der strahlend blaue Himmel direkt über dir, umringt dich, deckt dich zu. Die Sonne scheint. Du hast erreicht, was du erreichen wolltest. Keine Wünsche sind mehr offen.

Du drehst den Kopf nach links und sie liegt da. Hält ihre Hand über die Augen, damit die Sonne sie nicht zu sehr blendet, damit sie dich noch sehen kann. Ein Auge halb zugekniffen, blinzelt sie dich an, lächelt.

Du fühlst eine unwahrscheinliche Wärme in dir hochsteigen. Hast das Gefühl dein Herz explodiert gleich, weil dieser Moment so richtig, so gut und fast nicht wahr sein kann. Das erste Mal ist alles im Einklang.

Du hast Ruhe, keine Angst mehr, nichts kann sich dir mehr in den Weg stellen. Noch nie hast du dich so lebendig gefühlt.

Du riechst, schmeckst und spürst, gleichzeitig. Alles fließt. Und du mittendrin.

Du hast keine Zweifel mehr. Alles ist genau so gut wie es eben kam. Hat dich genau dort hingebracht, wo du immer sein wolltest. All das Leid vorbei, die Ungewissheit und der Zweifel. Sie sind nur noch vage Erinnerungen, Zeitfetzen ohne Phantomschmerz

Dann schläfst du ein. Voller Frieden, Zuversicht und der Gewissheit, du hast die Welt gerettet.

Und sie lächelt dich noch immer an, hält deine Hand. Stille.

Du bist frei.

rip.

I Need You So Much Closer

Und plötzlich steht die Welt still.

Eben hast du noch auf diesem Sardinenbüchsen-Konzert gestanden, ganz weit hinten, so dass man ab und an noch ein paar Köpfe auf der Bühne sieht, gesichtslos und so weit weg, dass du dir eigentlich auch eine DVD reinziehen und mehr erleben würdest. Du stehst also da, den Wein fest umklammert, hinter diesen riesengroßen, schwitzenden Menschen, die einfach da sind, weil ja dieser eine krasse Typ von dieser letzten Party, also der mit dieser hippen Frisur und dieser geilen Hose (“also diese Hose, der Wahhnnsssiinnn….!”) gesagt hat, man müsse dahin weil die Band ist total fett und so…. Also du und der Wein, ihr seid so ziemlich die einzige Symbiose, die an diesem Abend stattfinden. Du willst dich schon fast zu deinen Freunden umdrehen und fragen, ob sie auch nen Shot wollen, damit sich wenigstens irgendwas lohnt. Und dann das Lied. 2 Akkorde, alles wird still, mit einem Mal,  und alle wissen auf einmal Bescheid. Sie wachen auf aus ihrer gelangweilten Großstadtarroganz und hören hin. Der Lemming mutiert zu einem einzigen Herz. Die ganze Halle und dieser eine Song. Alles wird eins, ganz andächtig, dankbar… Und dann der Refrain.. Und sie singen mit. Singen um die schönen, traurigen und schicksalhaften Erinnerungen, die man doch ach so toll verdrängt hatte, weil ist ja viel einfacher so…

Und du singst mit. Und tanzt. Musst unweigerlich lächeln, weil auf einmal alles dann doch irgendwie in Ordnung ist, willst jeden umarmen, dein Feuerzeug auspacken und hoch in die Luft halten, lächelst, tanzt, platzt. 3 Minuten Einigkeit mit allem, geschlossene Augen und dahinter dein Film. Einmal kein Statist, kein Beobachter. Du bist mittendrin, dabei, und über unserer aller Köpfe schweben die Emotionen der ganzen verdammten letzten Jahre, wie Nordlichter. Fast sicht- und spürbar, Geisterflimmern.

Das Lied klingt langsam aus, alles schweigt. Du machst die Augen wieder auf. Alles schwitzt und der “hippe Typ” mit der sexy Hose ist noch immer da. Eure Blicke treffen sich zufällig im Raum und für ein paar Bruchteile von Sekunden scheißt ihr auf die Hosen und Sonnenbrillen dieser Welt – und fühlt euch zusammen unzerstörbar. Lächelt euch an. Denn ihr wisst Bescheid.

Dann ist das Lied vorbei. Jemand stolpert über irgendwas, verschüttet sein Bier auf deinem Kleid, irgendwer sucht lauthals nach seinen Freunden und reibt seinen schwitzigen Arm an dir entlang, der wegen der Pille eingestellte Wecker in deinem Handy springt an und du wieder so: Mittenraus ins Leben.

Lived in Bars // No. 1.

Samstag um 8:30 Uhr am Morgen, also morgens (!), in Hamburg, dieser Stadt voller Wasser, Alkohol-Hoch- und Tiefgang in Erikas Ecke (Aufenthaltsbestimmungsort für Betrunkene/Obdachlose und preisgekrönte Menschen) sitzen. Schnitzel in 4 Liter Jägersoße und 300 kg Pommes mit Bratkartoffeln (“Ich hätte gerne Pommes MIT Bratkartoffeln. Ja, MIT!”) ach, und Rührei, vor sich auf dem Tisch stehend betrachten und sich fragen, was denn da schon wieder los war.

Oh du goldene Nacht, da warst du wieder, mit all deinen verrückten Menschen, den vielen Zigaretten und dem Wodka. Mit all den tiefgründigen Philosophien über das Huhn und das Ei, dem Propheten und dem Berg – oder einfach nur der stundenlangen Überlegungen darüber, ob man seinen Döner (“einmaallesbiddääähhh) mit Kräuter oder Joghurt isst.

Du Nacht mit diesen wundervollen Menschen die man zwischen Klotür und Bar trifft (“eh, wo gehts hier nochmal raus! Ah egal, hasse mal ne Kippe für mich?”) , für die man diese unwahrscheinliche Empathie empfindet, obwohl gerade erst getroffen, mitten reingerutscht in dieses Leben. Und man versteht sich so unwahrscheinlich weltklasse, tauscht nach einer Stunde die größten Geheimnisse und Lebens(miss)geschicke aus, fühlt sich gut, verstanden, aufgehoben, noch mehr Wodka, noch mehr Parallelen, noch mehr Ähnlichkeiten, lacht, weint, vermisst und hofft – allesaufeinmal. Und der Tanz!!! Fühlt sich so lebendig wie doch schon so lange nicht mehr. Nummern und Gesichtsbücher werden getauscht, Verabredung halb gegart und der Bund fürs Leben beschlossen.

Dann am nächsten Nachmittag aufwachen, Kopf voller Steppenhexen, Stimme voller Stimmlosigkeit… Ahnen, dass da gestern Nacht ziemlich große Dinge gelaufen sind… Aber mit wem nochmal? Wo überhaupt? Und wieso? Und was eigentlich genau? Hundkatzemaus?

Aufstehen, Zähne putzen, weiteratmen.

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